lyrische texte

fehlende sammlung

Bringe den zölibatären Primeln
am Fenster der Nachbarin
ein Ständchen

verweise die Blumenkästen
zur Ordnung

die Töpfe halten schon
Mittagsruh

im Flur geht der Gedanke
nach einer Geweihsammlung
um

Träume adrett ans Revers gesteckt
betrachte ich mich eine Weile
im Garderobenspiegel

werde nachmittags
damit beschäftigt sein
mir Onkelfalten ins Gesicht zu bügeln

(2015)

abends um sieben

energiesparlampen
legen einen kreis um den scheitel
der vorzimmerdame

in der luft liegt eine abwesende spur
die erinnerung an schrankpapier

auf dieser etage
ist sie die letzte

sie würde niemals
fan bei facebook werden

stunden kleben an geputzten schuhen
sie bedankt sich immer herzlich

im hörer klingt statt eines freizeichens
das rauschen
des verkehrs

die uhren werden morgen umgestellt

(2012)

begebenheit: die innenstadt

bettler knien
vor dem abgott einer werbefläche

der geist ist keine dividende

im hoheitsgebiet der verkehrsinseln
leben furchtsame im abfall

meisterenten fertigen für grünanlagen
polyethylenattrappen ihrer selbst
und dann gehts ab mit easy-jet
gen süden

in den fußgängerzonen
darf im visier der kameras
von fußgängern nur gegangen werden

zusammenrottungen
und lebensfreude
sind an dieser stelle
untersagt

begebenheit: der kutscher

als halunkentränen noch
salonfähig waren
weilte ein grauer postkutscher
zwischen brombeergebüsch und
wegesrand

bäume wisperten von eingegangenen und
aufgeknüpften

alle spechte schwiegen

nur eine drossel hub an
pech von sich zu geben

der morgennebel kam
zu spät

die kutsche steht

säckeweise wartet
abgelebtes gedankengut
einem neuen besitzer
geliefert zu werden

(2012)

meeresschaum

wie zurückgekehrt

von einer großen reise
noch die farbe des salzes
auf den lippen

strömen dir
meine wellenrösser
zu

ste
tig
eb
be
und
flut

gewächse der nachtschatten
besiedeln den streifen zwischen
wasser und sand

unser meeresschaum
überwacht diesen
ganzen tag

waldgesang

die bodenlandungen der falter
ließ sie vergehen
die zimmer der verschlossenen leere

er wob den fächer
letzter sommernacht
der mit sich die kühlung brachte

leuchtkäfer schweben
als sterne des waldbodens

sie sagten voraus
die weisen des mondes
die stille der flechten
die schönheit
des gezackten farns

nur du kannst seine blätter spielen
mit den bögen dunkler weiher
selbst die wächtertannen wiegen sich

weide deine hand
in meiner
ruf mich
durch das echo junger birken
komm und
fang mich

schöner zeuger
eines waldgesangs

ZÄHNE aus
inkagold
bergen in sich
blutgeschmack
geben nicht frei
den glanz der sonne
in dunklen höhlen
staut sich stille
das nächste opfer
wartet

gevatter

es blähen sich
die nüstern

nur einen tänzelnden
augenblick

bäumt sich auf der schimmel
des verlusts

wirft ab

das alte gerippe

zupft am straßenrand
die fettesten kräuter

die ritter des spätfrühlings wissen

nicht wohin mit der freude und dem
Spargel

wenn sie sich
abseits halten der
dämmrigen Wege und Böschungen

sie wachen über die Schwermütigen, die mit gesenkten Köpfen thronen
und
den Frohsinn bis auf ihre Schattenlänge von sich halten

nachmittags um drei überlässt der Park
das Feld den Horden

mitten in der Schar die Recken, sie beonkeln Spatzen, Amseln und Stare
wo
es nur geht
und flattert
und fleucht

jeder Krokus kann zum nächsten Gral erkoren werden

nur der gute alte Nachlass
lungert stumm im Wald
und hofft dass sein Leben noch

ein Meisterwerk wird

(2010)

fred der fisch

ist so ein Wechselwarmer tja da bleibt einem nichts anderes

nein, Frau Oberstübchen, nein doch

ja

ich bin sehr versichert, doch
jawoll

im Flur den von der Tür aus niemand sehen darf
wohnt der Staub und rockt der Lichtmob aber
jeder sieht es wohl, der mit mir
gerade an der Schwelle steht
so wie Sie, Frau Oberstübchen,
Sie jetzt

Sie, neindoch, jawoll
nehmen Sie sich nur vom Leibgerücht,
und noch ein Stücken
noch ein Stückchen
nehmen Sie!!! bloß

wenn ich Sie fragen sollte
wer in wahrheit Fred der Fisch gewesen ist
dann werden Sie genauso sparsam aussehen

so wie jetzt

(2010)

selbsteinladung

seit wochen schon bin ich ein
echter weinmeister

und kein balkon in dieser stadt
ist vor mir sicher

ein anruf genügt und
ich bin bei dir

und vergesse mich
bei mir zu hause

(2004)

grüne engel lieben kekse

es spiegelt sich die lampe in der scheibe
und ein fisch gleitet vorüber

die stadt ist ein aquarium

und ich lese ein buch
über die zehnte dimension

nur ein feines geräusch

doch die eselsohren
haben es gehört

da steht ein grüner engel in der tür
und fiept
er traut sich nicht zu fragen
wo’s hier zur küche geht
(grüne engel lieben kekse über alles)

ich habe keine kekse
und biete ihm stattdessen herrentorte an

ihm wächst ein zylinder

(2002)

jünglingswinter

auf hartem gras knirschen schritte
um den teich herum
der fische spuren bleiben

gläserne hörner am himmel rufen
der luftkristall wächst langsam
in den lungen nichts als sauberkeit

der ältere ging bereits in seine stube
auf dem ofen sitzt er und schweigt
seine teetasse an
hin und wieder ein murmelnder blick aus dem fenster
der erste tau im auge

verstohlen erinnert er sich nach neunzehn jahren
der verse Puschkins

hunde jagen
mit kalter nase schneebälle
die ein mädchen nach ihnen wirft

zwischen fensterkreuzen dämmern eisblumen
das geschenk des wetters treibt es heimlich
auf simsen und vereisten bänken
der park ruht in seinen wiesen
es sind nur wenige
die den wegen zu den häusern folgen

der jüngere bricht auf zur nacht
um seine finger
am rücken des liebsten zu wärmen
er singt ihm ein schlaflied
und hüllt die wangen in seine haut

eine warme höhle zwischen den körpern
da sind sie allein
und warten
auf schnee von morgen

(2000)

fünf

I

Die stadt verbiegt sich, wenn das meer jenseits von ihr sein wasser zum horizont zurückschickt. die menschen nennen das ‚ebbe’, aber was kümmert wellen eine leere bezeichnung, deren sinn verwischt wie der morgennebel an der küste.

es ist wahr: die stadt verbiegt sich. die bewohner befinden sich in fernem schlaf, wenn es geschieht, sodass niemand diesen vorgang je beobachten konnte. nur die möwen können es sehen, und ihr schrei durchschneidet die beginnende dämmerung, und manchmal dringt ihr ruf bis in einen traum vor und vermischt sich unbemerkt mit dessen schemen, doch am nächsten morgen erwacht der träumer und erinnert sich an nichts mehr.

des nachts beginnt die verwandlung, die steine beginnen zu atmen. weite plätze tauchen plötzlich auf, wo vorher enge gassen waren. häuser bewegen sich. es bilden sich risse und klüfte und mauern drohen in den abgrund zu stürzen, aber der grundstein ist fest und leistet ganze arbeit, wenn die, die zu arbeiten glauben, ruhen.

die eulen beobachten die mitte der schwindenden nächte, nur mit einem auge, und ihre mühlengleichen flügel bewegen sich sacht im wind. dann und wann bricht das gebell von hunden hervor und öffnet das zweite auge, dessen netzhaut in die tiefe gleitet, es geht auf jagd.

wellen verschwimmen und rauschen und rollen sich zum strand hin, immer wieder, immer wieder von neuem, und jede dreizehnte welle ist höher als die anderen. das jahr gebiert dreizehn monde, und der vierzehnte verwandelt sich in einen kalten märz.

am nächsten morgen gefriert die stadt, und alles ist so wie vorher, die ersten werden wach und reiben sich getrockneten schleim aus den augen.

doch irgendwann zog ein schlafloser in die stadt. tagsüber war ihm nichts anzusehen, jeden morgen kaufte er beim bäcker brot, nahm es mit nach hause und verspeiste es, dann wusch er sich, obwohl er keinen nachtschweiß abgesondert hatte. auch löschte er nachts das licht wie alle anderen bewohner der stadt, sodass er nicht auffiel. aber nur ein zweiter schlafloser hätte ihm je auf die schliche kommen können, doch es gab keinen anderen.

der schlaflose sieht die bewegung der steine, das atmen der straßen, er sieht, wie die stadt sich verbiegt.

sonntags ging er zum strand und belauerte die möwen, und wenn er reglos zwischen angespülten quallen kauerte, beäugten ihn die vögel und fraßen nicht, hoch über ihm zogen sie kreise in die wolken und zeterten gegen abend vor hunger,

und erst, wenn die dunkle gestalt sich vom wasser abwandte und zwischen den häusern verschwunden war, stürzten sie sich blind vor wut auf das erstbeste aas.

II

An einem anderen ort wächst farn. er ist so satt und grün, dass die zacken seiner blätter kräftig sind wie zähne. zähne können vielerlei färbung annehmen, wie apfelfleisch, das an der luft liegt, weiß über gelblich bis braun, aber grün kommt bei den menschen niemals vor.

in japan färbten sich frauen ihre zähne schwarz – ein vermeintliches loch, das hinter lippen klafft.

der farn verharrt in den tagen und lauscht. seine wurzeln dringen in schichten des bodens vor, wo es feucht ist und still. sie ziehen die nässe nach oben, und auch die stille, die dann in den riesigen blättern wohnt.

die schluchten und hänge bauen treppen in den wald, ganze stockwerke und galerien, und wären die bäume aus glas, würde die architektur noch deutlicher zutage treten.

ein fünfschrittler durchzieht das feuchte moos mit spuren, immer fünf schritte im gleichmäßigen takt, dann eine kurze pause, eins, zwei, drei, vier, fünf, pause, eins, zwei, drei, vier, fünf und

pause.

das geht bis zum abend so, und erst, wenn die sonne den sinkenden wald verlässt, kehrt ruhe in die eingeweide ein, und es zieht den fünfschrittler in die stadt zurück, wo häuser einfallslos nebeneinander stehen. in einem davon verschwindet er und hüllt seinen müden körper in klamme decken, legt sich unter ein fenster und verharrt dort, bis der nächste tag anbricht.

III

Das Meer. jede dreizehnte welle ist von gleicher höhe, größer als die anderen. ihrem rauschen ist es gleich, es verfängt sich in den windungen der ohrmuscheln und klingt dort für eine weile nach.

der schlaflose wiederholt tonlos immer dieselbe frage:

wie hoch ist der klang, oder ist er fünf schritte breit?

wie hoch ist der klang, oder ist er fünf schritte breit?

er gedenkt der zahllosen verwandten, die schon lange vor ihm gegangen sind, all der muhmen und vettern, die einmal seine welt bevölkert hatten, und seine augen suchen vergeblich das blasse, beruhigende auge am himmel,

doch es ist neumond und das wetter ist umgeschlagen, sodass nur die bissigen möwen das dunkel durchstechen – ein lautloser flug, den niemand bemerkt, die schlafenden nicht und die vorausgegangenen nicht –

und er denkt an glückliche nachmittage am rand des meeres, an die unscheinbare stelle zwischen zwei felsen, wo er in einer friedlichen mulde aus sand zum ersten mal bernstein gefunden hatte. er war vom wasser geschliffen wie ein ei, und er steckte es in seine tasche. immer wieder fuhren seine finger über die glatte oberfläche.

er setzt sich in den sand, blicke wehen übers wasser, wo die augen seines liebsten untergehen, seine weiße hand gibt das letzte rätsel auf, und erst jahre später kehrt er zum haus seiner eltern zurück und findet es verlassen vor. niemand erkennt ihn, wenn er zum strand geht, wo die wellen sich an sandbänken brechen und nur vom sonnenlicht besänftigt werden.

bilder kommen und gehen, manche verschwinden in seinem kopf, noch bevor sie entstanden sind.

vor dem fenster steht schwarze luft, tropfen verirren sich bis in den garten und schlagen an die scheiben.

er wiegt seinen körper, während seine lippen stumm ihre arbeit verrichten,

wie hoch ist der klang, oder ist er fünf schritte breit

wie hoch ist der klang, oder ist er fünf schritte breit

und unbemerkt formen seine gedanken einen mond in die kalte nacht, und über den dächern erwacht ein voller, bronzener ton,

ein lebendes gestirn, ein mond aus versteinertem harz.

2000

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© 2006–2017 Korvin Reich